Reinhard Johannes Sorge's Zeit in Flüelen
14. November 1913
Der Dichter Reinhard Johannes Sorge kommt auf der Heimreise von Rom mit seiner Ehefrau
Susanne in Flüelen an. Dem Ehepaar gefällt der Ort am Urnersee so gut, dass es
beschliesst, hier Wohnsitz zu nehmen. Sie wenden sich an Pfarrer Emil Züger mit einem
Empfehlungsschreiben des Pfarrers von Jena. Durch Vermittlung des Flüeler Pfarrers finden
sie in der Nachbarschaft des Pfarrhauses auf dem Grundbühl denn auch gleich eine Wohnung
mit Küche und zwei Zimmern - "bei lieben Leuten" wie Reinhard Johannes Sorge
festhält. Der Preis für die Wohnung beträgt 50 Franken im Monat. Eine bleibende Wohnung
will sich das Paar erst mit der Zeit suchen.
16. November 1913
An der damals weltberühmten Axenstrasse beim Egg mit Blick auf den Urnersee und die Urner
Berge schreibt Sorge seiner Mutter in Deutschland: "Du bist die Erste, die einen
Brief erhält aus der neuen Heimat. Denn wunderbar hat uns der liebe Gott geführt, dass
uns, was wir suchten, aus seiner Hand wie mühelos zukam. Hier ist der rechte Ort für
uns, und hier wollen wir nun bleiben, dankbar für seine Fügung, und hier mag für mich
das reifen, was ich den Menschen zu sagen habe." Reinhard Johannes Sorge ist von der
Schönheit der Natur begeistert. Er fasst die Beschreibung der Landschaft am
Vierwaldstättersse in zwei kurzen Sätzen zusammen: "Es ist hier wundervoll. Die
Natur ist unbeschreiblich schön." Er verspricht, in den nächsten Briefen noch mehr
zu schreiben und bittet seine Mutter, ihm die grosse Bücherkiste und den kleinen Koffer
mit den Manuskripten als Eilfracht nach Flüelen zu schicken. Reinhard Johannes Sorge
fällt in Flüelen nicht nur durch seine Spiesshaare, sondern durch seine Frömmigkeit und
vor allem durch sein freundliches Wesen auf. Die Briefe aus Flüelen sind voll religiöser
Glut und grenzenloser Liebe zum Nächsten. Nach seinem Übertritt zum katholischen Glauben
drängt es ihn, sein Glaubenserlebnis allen Freunden zu offenbaren und sie auf den Weg zu
führen, den er selbst beschritten hat. Es ist ihm ein tiefes Bedürfnis, alle Menschen
von der Wahrheit des katholischen Glaubens zu überzeugen und zu sich zu ziehen. In seiner
religiösen Dichtung appelliert er an die Menschheit, sich zu erneuern und der im
Fortschritt und in der Technik befangenen Welt zu entsagen (Brief von Reinhard Johannes
Sorge an seine Mutter vom 16.11.1913 (StAUR, Kleine P-Archive, Reinhard Johannes Sorge).
Januar 1914
Nach einer Münchner Reise kehrt Reinhard Johannes Sorge anfangs Januar 1914 nach Flüelen
zurück. Er entwickelt eine grosse Schaffenskraft. Er schreibt Tag für Tag. Morgens
besucht er die Frühmesse, wo er gerne die Aufgabe des Ministranten übernimmt. Danach
beginnt er die Arbeit und schreibt bis 13 oder 14 Uhr. Nach dem Essen liest er in der
Bibel den Stoff zum nächsten Bild durch. Es folgt ein ausgedehnter Spaziergang mit seiner
Frau. Am Abend liest er seiner Frau das Bild vor. "König David", ein
fünfaktiges Schauspiel, schreibt er auf diese Weise in 15 Tagen. In diesem Schauspiel
gibt der Dichter die Antwort auf alle Fragen, die er im "Bettler" gestellt und
offen gelassen hatte. Im Mai erscheint als erste gedruckte Dichtung nach dem
"Bettler" der "Guntwar". Im November kommt das letzte Werk Sorges
heraus: "Preis der Unbefleckten" ist eine Hymne auf die Wunder von Lourdes.
10. November 1914
Am 10. November kommt Reinhard Sorges erster Sohn zur Welt. Am Festtag Maria Empfängnis
wallfahrtet der Dichter nach Einsiedeln. Dort erkundigt er sich bei einem Priester, ob
ihm, da er verheiratet sei, der Weg zum Priestertum überhaupt offenstehe. Er erhält die
Antwort, dass er mit dem Einverständnis seiner Frau ohne weiteres Priester werden könne.
Sein Lebensziel lässt sich nicht mit der Familie, jedoch mit dem Dasein als Dichter
vereinbaren: "Daher sollte man auch ein Heiliger werden, um gut und tief zu
schreiben."
Januar 1915
Reinhard Johannes Sorge besucht im Kollegium Maria Hilf in Schwyz von anfangs Januar bis
Mitte Mai täglich bei Dr. D. Aubry Philosophiekurse. Mit Rücksicht auf seine Frau will
er sich erst dann endgültig für den Priesterberuf entscheiden, wenn er die Verhältnisse
seiner Familie gesichert weiss. Der Erste Weltkrieg wird Sorges Pläne durchkreuzen und
ihn vor der Entscheidung, seine Familie zugunsten des Priesterberufs zu bewahren,
bewahren.
2. Februar 1915
Aus Flüelen schreibt Sorge im Februar 1915 seiner Mutter: "Wird mich Gott noch in
den Krieg schicken. Ich wills geduldig hinnehmen, wenn ich mich auch nicht dazu geschaffen
halte. Wer Gott sehr liebt, muss ja auch eigentlich den Frieden lieben; denn Gott ist der
Friede. Aber doch gibt es viele Heilige, die im Krieg Mann standen. Denn, die Gott lieben,
gereicht eben alles zum Besten" (Brief von Reinhard Johannes Sorge an seine Mutter
vom 2.2.1915 (StAUR, Kleine P-Archive, Reinhard Johannes Sorge).
25. Mai 1915
Am 25. Mai kommt der Einberufungsbefehl für Reinhard Sorge nach Flüelen. Er wird der
Reserve in Konstanz zugewiesen. Gehorsam ergibt er sich seinem Soldatenberuf. Er fasst ihn
als Willen Gottes auf. Reinhard Johannes Sorge wird Flüelen nicht mehr wieder sehen.
30. Juni 1916
1916 Reinhard Johannes Sorge erhält nach einem Jahr erstmals Urlaub. Ende Juni 1916
trifft er Frau und Sohn, welche aus Flüelen kommen, in Fulda. Gemeinsam besuchen sie
seine Mutter in Jena. Am 12. Juli kehrt er an die Front zurück.
20. Juli 1916
Im Ersten Weltkrieg beginnt die grosse englisch-französische Offensive. An der Front in
Frankreich wird der Dichter Reinhard Johannes Sorge am 20. Juli 1916 durch Granatsplitter
schwer verwundet. Er stirbt in der Nähe von Ablaincourt an der Somme. Der
Kompagnieführer schreibt an seine Frau: "Als Kamerad und Soldat hatte der Gefallene
herrliche Eigenschaften. Der Tapfersten einer ging er in das Gefecht, mutig und unbesorgt,
nicht ahnend, wie bald er dem Vaterland sein junges Leben opfern sollte."
1. August 1916
Am 1. August trifft die Todesnachricht in Flüelen ein. Pfarrer E. Züger schreibt im
Nekrolog: "Die Meldung wirkte lähmend auf ganz Flüelen, das sich eben anschickte,
mit Sang und Klang den Tag der Bundesfeier zu begehen. So war also auch er ein Opfer des
entsetzlichen Krieges geworden, er, den unser Volk so liebte und schätzte wegen seiner
Bescheidenheit, seiner Liebenswürdigkeit, seiner Glaubenstreue und seinem Bekennermut und
seinem herrlichen Beispiel, das er uns allen ganz besonders in der Kirche gab."
(Nekrolog von Pfarrer E. Züger, in: StAUR, Kleine P-Archive, Reinhard Johannes Sorge).
Weihnachten 1917
Der "Bettler" von Reinhard Johannes Sorge wird an Weihnachten unter der Regie
von Max Reinhardt von der Gesellschaft "Junges Deutschland" im Deutschen Theater
in Berlin uraufgeführt. Sorge war es in seinem kurzen Leben vergönnt, eines seiner
Stücke auf der Bühne zu sehen. Sorge hatte nachträglich bedauert, dass in dem Stück,
welches vor der Konversion entstanden ist, "unchristlicher Geist atme".
1924
Susanne M. Sorge schreibt an ihrem Wohnort Flüelen die Erinnerungen an ihren Ehemann
Reinhard Sorge nieder. Die Erinnerungsschrift "Reinhard Johannes Sorge - unser
Weg" widmet sie ihren beiden gemeinsamen Söhnen, Johannes und Reinhard, im Gedenken
an ihren Vater Reinhhard Johannes Sorge.
Sommer 1931
Susanne Sorge wohnt mit ihren beiden Söhnen weiterhin im Häldeli in Flüelen. Von hier
aus besuchen die beiden Söhne, Johannes und Reinhard, das Gymnasium in Altdorf bis im
Sommer 1931. Dann zieht die Frau mit ihren beiden Söhnen weg.
1964
Hans Gerd Rötzer gibt im Christiana-Verlag Zürich Sorges gesamtes Werk in drei Bänden
neu heraus. |