Reinhard Johannes Sorge - ein deutscher Dichter in Flüelen

Reinhard Sorge wurde am 29. Januar 1892 in Berlin-Rixdorf als ältestes von drei Kindern geboren. Die Krankheit seines Vaters und die damit verbundene häusliche Not zwingt ihn zum Abbruch des Gymnasiums und zu einer einjährigen Lehre in einem Eisengeschäft. Reinhard Sorge wechselt bald auf eine Bank und bereitet sich auf die kaufmännische Gehilfenprüfung vor. Nach einem Aufenthalt in Ostpreussen kehrt er ans Gymnasium zurück. Nach dem Tode des Vaters 1909 siedelt die Familie nach Jena über; der Besuch des Jenaer Gymnasiums beengt Sorges Drang nach literarischer Tätigkeit. Den Gedanken an die private Vorbereitung aufs Abitur lässt er fallen, er lehnt die wilhelminische Erziehung ab, glaubt an die Berufung als Dichter und wendet sich den Werken Nietzsches zu, deren Lektüre ihm mit 18 Jahren zum prägenden Ereignis wird. Ein Jahr älter macht er mit dem Drama "Der Bettler" die literarische Welt auf sich aufmerksam. Im Mittelpunkt des Werkes steht der junge, verzweifelte, einsame Mensch im Kampf gegen eine dem Materialismus verfallene Welt; jede Bindung an eine Gemeinschaft fehlt. Im Jahre 1912 erscheint der "Bettler" im Buchhandel. Reinhard Sorge erhält den Heinrich-Kleist-Preis und sichert sich mit diesem Frühwerk einen bleibenden Platz in der deutschen Literaturgeschichte, gilt er doch als der eigentliche Schöpfer und Wegbereiter des literarischen Expressionismus, welcher die bürgerliche Gesellschaft negiert und zur Erneuerung des Menschen ausruft.

Auf einer einsamen Nordseeinsel erfährt Reinhard Sorge sodann ein tiefgreifendes Gotteserlebnis. Sein Leben erfährt eine Wende. In "Zarathustra" hält der Dichter Gericht über die Weltanschauung Nietzsches. 1913 heiratet er Susanne Hendewerk. Das junge Paar tritt zum katholischen Glauben über; Reinhard Sorge nimmt Johannes als zweiten Vornamen an. Die Hochzeitsreise führt das Paar nach Rom "zur Vertiefung in den Katholizismus".


Reinhard Johannes Sorge's Zeit in Flüelen

14. November 1913
Der Dichter Reinhard Johannes Sorge kommt auf der Heimreise von Rom mit seiner Ehefrau Susanne in Flüelen an. Dem Ehepaar gefällt der Ort am Urnersee so gut, dass es beschliesst, hier Wohnsitz zu nehmen. Sie wenden sich an Pfarrer Emil Züger mit einem Empfehlungsschreiben des Pfarrers von Jena. Durch Vermittlung des Flüeler Pfarrers finden sie in der Nachbarschaft des Pfarrhauses auf dem Grundbühl denn auch gleich eine Wohnung mit Küche und zwei Zimmern - "bei lieben Leuten" wie Reinhard Johannes Sorge festhält. Der Preis für die Wohnung beträgt 50 Franken im Monat. Eine bleibende Wohnung will sich das Paar erst mit der Zeit suchen.

16. November 1913
An der damals weltberühmten Axenstrasse beim Egg mit Blick auf den Urnersee und die Urner Berge schreibt Sorge seiner Mutter in Deutschland: "Du bist die Erste, die einen Brief erhält aus der neuen Heimat. Denn wunderbar hat uns der liebe Gott geführt, dass uns, was wir suchten, aus seiner Hand wie mühelos zukam. Hier ist der rechte Ort für uns, und hier wollen wir nun bleiben, dankbar für seine Fügung, und hier mag für mich das reifen, was ich den Menschen zu sagen habe." Reinhard Johannes Sorge ist von der Schönheit der Natur begeistert. Er fasst die Beschreibung der Landschaft am Vierwaldstättersse in zwei kurzen Sätzen zusammen: "Es ist hier wundervoll. Die Natur ist unbeschreiblich schön." Er verspricht, in den nächsten Briefen noch mehr zu schreiben und bittet seine Mutter, ihm die grosse Bücherkiste und den kleinen Koffer mit den Manuskripten als Eilfracht nach Flüelen zu schicken. Reinhard Johannes Sorge fällt in Flüelen nicht nur durch seine Spiesshaare, sondern durch seine Frömmigkeit und vor allem durch sein freundliches Wesen auf. Die Briefe aus Flüelen sind voll religiöser Glut und grenzenloser Liebe zum Nächsten. Nach seinem Übertritt zum katholischen Glauben drängt es ihn, sein Glaubenserlebnis allen Freunden zu offenbaren und sie auf den Weg zu führen, den er selbst beschritten hat. Es ist ihm ein tiefes Bedürfnis, alle Menschen von der Wahrheit des katholischen Glaubens zu überzeugen und zu sich zu ziehen. In seiner religiösen Dichtung appelliert er an die Menschheit, sich zu erneuern und der im Fortschritt und in der Technik befangenen Welt zu entsagen (Brief von Reinhard Johannes Sorge an seine Mutter vom 16.11.1913 (StAUR, Kleine P-Archive, Reinhard Johannes Sorge).

Januar 1914
Nach einer Münchner Reise kehrt Reinhard Johannes Sorge anfangs Januar 1914 nach Flüelen zurück. Er entwickelt eine grosse Schaffenskraft. Er schreibt Tag für Tag. Morgens besucht er die Frühmesse, wo er gerne die Aufgabe des Ministranten übernimmt. Danach beginnt er die Arbeit und schreibt bis 13 oder 14 Uhr. Nach dem Essen liest er in der Bibel den Stoff zum nächsten Bild durch. Es folgt ein ausgedehnter Spaziergang mit seiner Frau. Am Abend liest er seiner Frau das Bild vor. "König David", ein fünfaktiges Schauspiel, schreibt er auf diese Weise in 15 Tagen. In diesem Schauspiel gibt der Dichter die Antwort auf alle Fragen, die er im "Bettler" gestellt und offen gelassen hatte. Im Mai erscheint als erste gedruckte Dichtung nach dem "Bettler" der "Guntwar". Im November kommt das letzte Werk Sorges heraus: "Preis der Unbefleckten" ist eine Hymne auf die Wunder von Lourdes.

10. November 1914
Am 10. November kommt Reinhard Sorges erster Sohn zur Welt. Am Festtag Maria Empfängnis wallfahrtet der Dichter nach Einsiedeln. Dort erkundigt er sich bei einem Priester, ob ihm, da er verheiratet sei, der Weg zum Priestertum überhaupt offenstehe. Er erhält die Antwort, dass er mit dem Einverständnis seiner Frau ohne weiteres Priester werden könne. Sein Lebensziel lässt sich nicht mit der Familie, jedoch mit dem Dasein als Dichter vereinbaren: "Daher sollte man auch ein Heiliger werden, um gut und tief zu schreiben."

Januar 1915
Reinhard Johannes Sorge besucht im Kollegium Maria Hilf in Schwyz von anfangs Januar bis Mitte Mai täglich bei Dr. D. Aubry Philosophiekurse. Mit Rücksicht auf seine Frau will er sich erst dann endgültig für den Priesterberuf entscheiden, wenn er die Verhältnisse seiner Familie gesichert weiss. Der Erste Weltkrieg wird Sorges Pläne durchkreuzen und ihn vor der Entscheidung, seine Familie zugunsten des Priesterberufs zu bewahren, bewahren.

2.  Februar 1915
Aus Flüelen schreibt Sorge im Februar 1915 seiner Mutter: "Wird mich Gott noch in den Krieg schicken. Ich wills geduldig hinnehmen, wenn ich mich auch nicht dazu geschaffen halte. Wer Gott sehr liebt, muss ja auch eigentlich den Frieden lieben; denn Gott ist der Friede. Aber doch gibt es viele Heilige, die im Krieg Mann standen. Denn, die Gott lieben, gereicht eben alles zum Besten" (Brief von Reinhard Johannes Sorge an seine Mutter vom 2.2.1915 (StAUR, Kleine P-Archive, Reinhard Johannes Sorge).

25. Mai 1915
Am 25. Mai kommt der Einberufungsbefehl für Reinhard Sorge nach Flüelen. Er wird der Reserve in Konstanz zugewiesen. Gehorsam ergibt er sich seinem Soldatenberuf. Er fasst ihn als Willen Gottes auf. Reinhard Johannes Sorge wird Flüelen nicht mehr wieder sehen.

30. Juni 1916
1916 Reinhard Johannes Sorge erhält nach einem Jahr erstmals Urlaub. Ende Juni 1916 trifft er Frau und Sohn, welche aus Flüelen kommen, in Fulda. Gemeinsam besuchen sie seine Mutter in Jena. Am 12. Juli kehrt er an die Front zurück.

20. Juli 1916
Im Ersten Weltkrieg beginnt die grosse englisch-französische Offensive. An der Front in Frankreich wird der Dichter Reinhard Johannes Sorge am 20. Juli 1916 durch Granatsplitter schwer verwundet. Er stirbt in der Nähe von Ablaincourt an der Somme. Der Kompagnieführer schreibt an seine Frau: "Als Kamerad und Soldat hatte der Gefallene herrliche Eigenschaften. Der Tapfersten einer ging er in das Gefecht, mutig und unbesorgt, nicht ahnend, wie bald er dem Vaterland sein junges Leben opfern sollte."

1. August 1916
Am 1. August trifft die Todesnachricht in Flüelen ein. Pfarrer E. Züger schreibt im Nekrolog: "Die Meldung wirkte lähmend auf ganz Flüelen, das sich eben anschickte, mit Sang und Klang den Tag der Bundesfeier zu begehen. So war also auch er ein Opfer des entsetzlichen Krieges geworden, er, den unser Volk so liebte und schätzte wegen seiner Bescheidenheit, seiner Liebenswürdigkeit, seiner Glaubenstreue und seinem Bekennermut und seinem herrlichen Beispiel, das er uns allen ganz besonders in der Kirche gab." (Nekrolog von Pfarrer E. Züger, in: StAUR, Kleine P-Archive, Reinhard Johannes Sorge).

Weihnachten 1917
Der "Bettler" von Reinhard Johannes Sorge wird an Weihnachten unter der Regie von Max Reinhardt von der Gesellschaft "Junges Deutschland" im Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt. Sorge war es in seinem kurzen Leben vergönnt, eines seiner Stücke auf der Bühne zu sehen. Sorge hatte nachträglich bedauert, dass in dem Stück, welches vor der Konversion entstanden ist, "unchristlicher Geist atme".

1924
Susanne M. Sorge schreibt an ihrem Wohnort Flüelen die Erinnerungen an ihren Ehemann Reinhard Sorge nieder. Die Erinnerungsschrift "Reinhard Johannes Sorge - unser Weg" widmet sie ihren beiden gemeinsamen Söhnen, Johannes und Reinhard, im Gedenken an ihren Vater Reinhhard Johannes Sorge.

Sommer 1931
Susanne Sorge wohnt mit ihren beiden Söhnen weiterhin im Häldeli in Flüelen. Von hier aus besuchen die beiden Söhne, Johannes und Reinhard, das Gymnasium in Altdorf bis im Sommer 1931. Dann zieht die Frau mit ihren beiden Söhnen weg.

1964
Hans Gerd Rötzer gibt im Christiana-Verlag Zürich Sorges gesamtes Werk in drei Bänden neu heraus.


Werkverzeichnis

Dramen:

- Der Bettler. Eine dramatische Sendung (1912);
- Guntwar. Die Stunde eines Propheten (1914);
- Metanoeite. Drei Mysterien (1915);
- König David (1916);
- Mystische Zwiesprache (1922);
- Der Sieg des Christo. Eine Vision (1924);
- Der Jüngling (frühere Dramen umfassend;1925);

Lyrik:

- Mutter der Himmel. Ein Sang in zwölf Gesängen (1917);
- Gericht über Zarathustra. Vision (1921);
- Preis der Unbefleckten. Sang über die Begegnung zu Lourdes (1924);
- Nachgelassene Gedichte (1925);

Werksausgabe:

- Werke, 3 Bände (1962-67).


Literaturverzeichnis

- Diepold R.K., "Der Bettler", in Hochland 15 (1917/18) 713-15.
- Franck H., Reinhard Johannes Sorge, in: Das deutsche Drama 1 (1918), 144-48;
- Fuchs Konrad, Reinhard Johannes Sorge, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Band 10 (1995); http://wwwbautz.de/bbkl/s/sorge_r_j.shtml
- Grossrieder H., Reinhard Johannes Sorge - "Der Bettler", Diss. Fribourg 1939;
- Hinck Walter, Das moderne Drama in Deutschland, Göttingen 1971, 31-38;
- Hollaender F. u. H. Harald, in: Das junge Deutschland (1918);
- Iten Karl, Reinhard Johannes Sorge, der Wegbereiter des expressionistischen Dramas, in: Uri - Die Kunst- und Kulturlandschaft am Weg zum Gotthard, Altdorf 1991.
- Humfeld Maria Scholastika, Reinhard Johannes Sorge - Ein Gralsucher unserer Tage, Paderborn 1929;
- Kohnen M., Stil u. Sprache bei Reinhard Johannes Sorge, in: Boletin de estudios germanicos 6 (1967), 21-34;
- Lewis W.B., The Early Drama of Reinhard Johannes Sorge A Poet's Search for the inner Light, in MD 14 (1971/72), 449-54;
- Lincoln P., Aspects of Sorges. Imagery. A Reappraisal of His Position within Expressionism, GLL (1981), 374-84.
- Mennemeier F.N., Modernes Deutsches Drama, Bd. 1, München 1971, 12-18;
- Müller-Marzohl Alphons, "Reinhard Johannes Sorge (1892-1916) - ein bahnbrechender Dramatiker", in: Flüelen, Flüelen 1965.
- Riedel W.E., Über "das Geistige der Farben" in Reinhard Johannes Sorges Drama "Der Bettler", in Germanico Slavica 2 (1976), Nr. 1, 15-25;
- Rötzer Hans Gerd, Reinhard Johannes Sorge Theorie und Dichtung, Diss. Erlangen 1961 (mit Bibliogr. d. Primär- u. Sekundärliteratur);
- Rötzer Hans Gerd, Reinhard Johannes Sorge Der Dichter und sein Auftrag, in: Stimmen der Zeit 172 (1962/63), 334-45;
- Scherer Bruno, Reinhard Johannes Sorge - Ein deutscher Dichter am Urnersee, in: Borromäer-Stimmen, 37. Jahr (1957/58), Altdorf 1958.
- Schumacher H., Reinhard Johannes Sorge, in : Expressionismus der Literatur. Gesammelte Studien, hrsg. v. W. Rothe, Bern und München 1969, 560-71;
- Schumacher H., Reinhard Johannes Sorge, in: Expressionismus als Literatur, Bern 1969, 560-71;
- Sorge Susanne Maria, Reinhard Johannes Sorge - Unser Weg, München 1927;
- Spael W., Reinhard Johannes Sorge - Eine erste Einführung, Essen 1920.


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Letzte Aktualisierung: 17.10.2000
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